Zeit

Liebe ist ein Schwanz ist ein Schwanz ist die Liebe ist ein Hühnchen ist ein Messer ist ein Messer ist ein Schwanz ist die Liebe.

Das Messer schnitt tief ein. Tief rotes Blut umspielte die Spitzen der weißen Nägel. Dicke Tropfen zerplatzen wie ein Regenschauer auf dem Boden. Binnen Sekunden eine Pfütze, binnen Minuten ein kleiner See, der zu einem plätscherndem Bach wurde, dessen Quelle bald trocken sein würde.
Einen Tropfen für jede Träne. Einen Tropfen für jeden traurigen Gedanken.
Einen Tropfen für dich.
Eine schwarze Gestalt im Korridor des schmalen Flurs schwankte. Die Beine waren schwer und eingeknickt. Der Kopf geneigt, der Oberkörper eingefallen, die Schulter an die Wand gestützt. Die Arme hingen schon leblos herunter. Licht fiel aus dem Badezimmer und stellte die blutigen Fußspuren bloß. Nie mehr, dachte sie. Manchmal steht man am Rande des Abgrundes und du rüttelst dich wach, um nicht zu fallen. Dann wachte sie auf und stand doch wieder am Abgrund der Einsamkeit. Leere Luft zu allen Seiten machte ein Atmen unmöglich. Nie mehr willst du diesen Abgrund sehen müssen, dachte sie. Nie mehr. Aber die Worte „Nie mehr“ fielen in einen tiefen traumlosen Schlaf, als sie auf dem Bett niedersank und das Erwachen nach „Nie mehr“ war auch kein schönes. Sie lag da und die Sonne schien auf ihr Gesicht. Die Arme brannten. Schon wieder versaut, dachte sie, als sie ihr Bett betrachtete, Scheiße. Die fettgrinsende Sonne blendete, als ob sie die letzte Nacht einfach ignoriert hätte und voller Schadenfreude sagen wollte: Niemehr hat wohl doch wieder nicht hingehauen. Sie wusste, dass die Sonne so grausam war, deshalb gab sie sich Mühe nicht hineinzusehen. Alles versaut. Alles muss sauber gemacht werden. Sie schaut zur Uhr. Schon zu spät. Das Leben packt sie am Genick und schleudert sie von ihrem nächtlichen Aussetzer zurück in die Realität. Ich komme zu spät. Aussetzer hatten diese unangenehme Angewohnheit, dass sie keinen etwas angingen und dass sie von keinem gesehen werden wollen, nicht mal von einem selbst. Ihre Haut schmerzt als sie sich die Wunden kurz entschlossen mit Eiswasser auswäscht, zu pflastert und ihren Rolli darüber stülpt. Keine Zeit zum Denken, schon steht der erste Termin an. Vielleicht denke ich später darüber nach. Da bin ich verabredet. Vielleicht danach. Da muss sie einkaufen. Aber dann. Dann wollte sie sowieso einen guten Film gucken. Wenn Niemehr schon nicht hingehauen hat, kann sie auch einen guten Film gucken. So bleibt der Aussetzer im Raum der Zeit stehen, schon längst Vergangenheit und in Vergessenheit geraten. Shit happens.

Wie geht es dir? – Gut. – Lange nicht gesehen, du hast zugenommen. – Nein, abgenommen. – Slim fast? – Nein, Sport. – Hätte ich nie von dir gedacht. – Wie geht’s dir denn so? – Ich bin erfolgreich. Kann nicht klagen. – Wie ist das Wetter gewesen? – Schön. Wie war der Urlaub? – Schön. – Was macht das Schreiben. – Pause. – Dann wirst du wohl bald zur Armee der Arbeitslosen gehören. – Ich denke nicht. Was macht die Liebe? – Ich heirate demnächst. Guter, anständiger, hübscher, reicher Mann. Hab ganz vergessen dich zu fragen ob du Brautjungfer sein willst. Dann finden wir auch wen für dich. – Nein danke.

Im nächsten Moment zieht sie ein Messer und schneidet der zukünftigen Braut die Kehle durch. Ganz unspektakulär. Keiner hats gesehen. Als sie begreift, dass die Frau gegenüber noch röchelt entschuldigt sie sich, wischt das Blut auf dem Tisch weg und geht. Jetzt hat sie Hunger. Manche Menschen hungern wenn sie deprimiert sind, sie neigt dazu zu essen. Weil sie keinen anständigen Mann heiraten wird, beschließt sie sich ein Stück Marmorkuchen einzuverleiben. Dürrsein ist für Frauen vorbehalten die größere Probleme haben einen Kerl abzubekommen als sie. Solche Frauen gibt es auch. Wieso kann ihr nicht einmal jemand die Welt zu Füßen legen und die Sterne vom Himmel holen? Weil das nur sinnfreie sms Sprüche sind? Oder weil sie ihre Naivität irgendwo im Urlaub verloren hat? Ist auch egal. Viele Fische schwimmen im Meer.

Die Freundin ist tot. Manchmal denkt sie, dass naive Menschen den Tod verdienen. Eigentlich schade, aber keine Zeit zu verschwenden. Ich habe eine Verabredung, ich kann später um sie trauern. Muss los. Keine Zeit, um zurück zu blicken. Gleich, vielleicht heute Abend, vielleicht nie.

Dima hat eine Verabredung. Vermutlich trifft er gleich die Liebe seines Lebens. Via Internet kennengelernt. Eigentlich hat er eine Freundin, sie sind sogar verlobt, aber seine große Liebe ist es nicht. Die findet man nur im Internet und er hat auch genau recherchiert. Sie sieht gut aus, ist intelligent, charmant und sexy. Alles das was er auf dem Foto, dass nicht zu ihm gehört und in den emails, deren Texte nicht seiner Feder entsprungen sind, auch ist.
Also eigentlich bildet sie seine perfekte Ergänzung. Dima ist ein durchschnittlicher Mann, Ende 20 der das Leben verstanden hat. Wir sind hier, um uns fortzpflanzen, wir sind hier um unser Leben mit einem Beruf zu erfüllen, der von dem Wort Berufung abgeleitet wird und nicht von Job. Jobben ist nicht leben, jobben ist durchmogeln. Eine Freundin haben und eine andere Frau via Internet kennenzulernen, um mit ihr Kinder zu machen auch, aber das sah Dima noch nie so eng. Der göttliche Plan ist ein ganz eigener. Der männlicher Urinstinkte auch. Seine Freundin versteht das, das hat sie zumindest gesagt als er ihr vorhin berichtete nun hinaus zu gehen, um die Liebe seines Lebens zu treffen. Sie hat ihn lange angeschaut und ihn noch einmal nach seiner Überzeugung der Richtigkeit dieses Satzes gefragt, bevor sie fragte, wann er denn zum essen wieder da sei. Punkt 19h. Sie kochte herrlich. Extra für ihn ist sie vom anderen Ende des Landes hierher gezogen. Er würde ihr die Wohnung lassen. Das hat sie verdient. Seid sie 17 waren, führten sie eine glückliche Beziehung. Jetzt stand er vor dem Café mit einer rosaroten Rose in der Hand und wartete. Da kam sie. Ein Rasseweib. Eine lange Haarmähne, stolzer Gang, festentschlossen. Und sie ging direkt an ihm vorbei. Erst als er ihr mit der Rose hinterher wedelte, wie ein junger Hund mit seinem Schwanz, und ihren Nickname quer über die Straße rief, drehte sie sich um und schaute unsicher zurück.
Was für ein Idiot. Informatiker sehen wirklich nie gut aus. Sie hätte es wissen müssen. Was für ein Haufen Elend. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und schrieb das Wort „Hoffnung“ darauf. Hoffnung, dass sie die Eine sein würde. Auf ihrer Stirn stand das gleiche Wort geschrieben, nur der Kontext unterschied sich. Lieber Gott, lass es nicht dieser elende, kleine, Junge sein. Gott antwortete nicht. Nichts Neues. Er antwortet nie. Er schenkt ihr nur Aussetzer, die das „Niemehr“ nicht erreichen und sie am nächsten Tag behindern. Gott hat mich verlassen, vielleicht verlasse ich mich besser auch, aber auf jedenfall verlasse ich dieses Café. Man soll nie zurücksehen. Dafür ist auch gar keine Zeit. Sie stieg in den nächsten Bus nach nirgendwo und winkte freundlich. Der Informatiker sah enttäuscht aus.

Dima hatte das Leben verstanden. Er hatte die Frau gefunden, bei der ihm das Wasser im Mund zusammen lief, wie einem Wolf auf der Jagd. Leider war die Garzelle flinker und verschwand, ehe er sie reißen konnte. Ich hätte sie behandelt, wie eine Königin, wie mein Eigentum. Ich hätte sie befriedigt, bis sie vor Schreien fast gestorben wäre. Hätte, wäre, sein können... Aber er war zu langsam. Als er auf sie zulief, stieg sie in den nächsten Bus und verschwand. Offensichtlich wollte sie nicht zu seiner Beute werden.
Vielleicht wollte sie auch einfach nicht mehr sterben, als sie es sowieso schon tat, dachte sie.
Da fährt sie hin. Keine Adresse und wohl auch kein Kontakt mehr. Wo war Gott? Gott hat mich verlassen. Dima verstand das Leben nicht mehr. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und dieser Tag war nicht heute, dachte Dima. Gott hat mich verlassen aber ich habe die Liebe verstanden, wenn auch nicht das Leben. Liebe ist wenn man findet was man gesucht hat. Keine Zeit weiter zu suchen. Seine Freundin würde gleich das Essen auftischen. Sie hat die Wohnung wirklich verdient, wenn ich mal jemanden gefunden habe.

Sie betrat die Wohnung. Der ganze Boden war ein einziges totes Flussbett aus getrocknetem Blut. Eine kurze Erinnerung an die letzte Nacht, die so kurz gewesen war, zusammen mit einer Überblende in den Gedanken, dass der Film gleich anfangen würde. Entschlossen holte sie Wassereimer und Besen aus dem Schrank und schrubbte den Flur sauber, bevor sie das Bett frisch bezog. Die Erinnerungen an die letzte Nacht wurden weggewischt. Sie trübten das Putzwasser bevor sie im Abguss verschwanden hin zur Kläranlage, die sie reinigte, bevor sie sich in der unendlichen Zeit auflösten. Dann nahm sie sich 2 Minuten des Tages. Zwei Minuten: Liebes Tagebuch, heute habe ich wenig geschlafen. Ich war in der Stadt und habe eine Freundin getroffen. Die zweite Verabredung habe ich kurzfristig abgesagt. Den Anschlussbus nach Hause habe ich leider verpasst. Deshalb war ich bis gerade ein bisschen im Stress die Wohnung rechtzeitig fertig zu wischen, bevor der Film gleich anfängt. Aber wer lebt schon gerne im Dreck. Jetzt muss ich los den Film schauen und schlafen. Gute Nacht.

28.9.07 00:41

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