Nietzsche Spielerei

Nietzsche-Spielerei

 

Kühle Augen, starrer Blick.

Eisiger Wind streift mein Genick.

Leere. Vergessen.

Vergessen zu schauen aber wer schaut schon hin?

Angewidert.

 

 

Heute war der Tag, an dem ich begriff, dass wir uns niemals kennen werden. „Die Morgue Gedichte von Benn sollte man mal behandelt haben, sie sind faszinierend und schockieren mit ihrer Ästhetik des Hässlichen. Wie hat Benn das gemacht? Was tut er eigentlich?“ Während er das sagte, spielte er wieder hingebungsvoll mit seinen Händen. Sie rieben sich aneinander, sie tasteten sich den Tisch entlang, sie konnten sich nicht entscheiden, welche von ihnen ihm übers Gesicht streifen durfte. Ein nervöses Spiel trugen sie aus. Mit seinen schlanken eleganten Fingern hätte er die schönsten Gemälde zeichnen und die verspieltesten, einfallsreichsten Melodien zum Klingen bringen können. Aber stattdessen: Germanist. Traurige Wirklichkeit. Was hatte er gesagt? Wo waren meine Gedanken? Benn. Negerbraut. Ich sah sie 2 Plätze weiter neben mir sitzen, deine Braut. Du schautest sie an und die Wärme und das Wohlwollen was ich in deinen Augen sah, versetzten mir einen Stich. Es ist widerlich und abartig. Warum kann ich diesen Blick von dir nicht besitzen? Nur einmal und doch wäre ich bereits süchtig. Du strafst mich mit Vergessen mit Verachtung für meine freundliche, lebensfrohe Art, die ich dir entgegengebracht habe. Die lebensfrohe Art, die nicht meine ist. Eine Maske, die mich interessant machen soll. Eine Maske, hinter der ich mich verstecke und die doch an mir zieht als seien meine Füße in Beton gegossen, der mich auf dem Grund des Rheins versenkt. Eine Maske, die dich abstößt. Was unterscheidet mich von deiner Braut? Schönheit und Kommunikation. Nicht mitgeteiltes Wissen. Aber vor allem, - die Unschuld. War es nicht ihr naives unschuldiges Wesen was dich ansprach, als du ihr das Du angeboten hast? So schnell sank er in meiner Gunst ins Bodenlose. Erst stolperte er nur zwei Stufen. Die erste durch den Fauxpas mein Hausarbeitsthema herabzustufen aus Engstirnigkeit und Bequemlichkeit sich in nichts Neues einarbeiten zu wollen. Die zweite wegen des netten Kommentars, ich solle lernen eine wissenschaftliche Arbeit abzufassen und nicht etwa Bildchen zu beschreiben. Als ich ihn freundlich darauf hinwies, dass ich zu der Spezies der angehenden Kunsthistoriker gehöre, waren wir was Dreistigkeit und unverschämtes Benehmen anging, eindeutig quitt. Der Mann, der in seinem Seminar über Nietzsche und den Aphorismus des Hinfalls der kosmologischen Werte diskutiert, bindet sich selbst an diese Werte wie kein anderer mir bekannter Mensch. Werte, die vom Menschen geschaffen wurden, um seine Existenz zu legitimieren. Herzlichen Glückwunsch, sie sind ein Doktor geworden. Sie gewinnen den goldenen Kugelschreiber für wichtigtuende Personen, die einen Posten brauchen, um sich zu definieren. Einen Doktortitel, der sie in den Himmel hebt und vor dem alle in Ehrfurcht erstarren und die Distanz wahren. Aber alle Werte sind hinfällig. Was nun? Er schleicht sich aus seinem Büro, ängstlich gesehen zu werden, verwirrt, ob er noch existiert. Vergessen. Wer kannte ihn, wen kannte er? Was sollte er tun? Er würde in sein Seminar gehen und nackt sein. Unbekleidet, ohne Titel. Einfach nur Nils. Ein wissender Mensch unter den Unwissenden, denen er zum Fraß vorgeworfen wurde. Exekution. Würde überhaupt noch jemand etwas sagen? Sie sagten sowieso schon immer so wenig. Nun war er niemand mehr. Keine Autoritätsperson. Freiwild. Frei, ehrlich angesprochen zu werden, frei, die Gedanken anderer gelten lassen zu müssen. Freiheit kann ja so beengend sein. Frei, getötet zu werden, in dem sie ihn einfach nicht beachteten und ihn vergaßen. Er ging zu seinem Seminar und keiner war dort. Nicht einmal die nette Frau, der er das Du angeboten hatte. Warum auch? Nur ich saß an meinem gewohnten Platz. „Hallo lieber Nils, wie ist es ganz du selbst zu sein?“ Er stand verwirrt da und antwortete nicht. „ Du selbst zu sein ist eigentlich ganz einfach weil du niemand bist und zu nichts taugst. Das fühlt sich ungefähr so an wie du dich jetzt fühlst.“ Er beobachtete mich und ich glaube er hielt mich für verrückt. Dieser Gedanke war gar nicht so abwegig wenn man bedenkt, dass ich mit dem Gewehr meines Vaters auf ihn zielte. Sie ging aus dem Raum und verabschiedete sich freundlich. Er hatte das Gefühl sie schon einmal gesehen zu haben, dennoch spürte er eine kribbelnde Erleichterung als sie das Zimmer verließ und das Gewehr auf dem Tisch ablegte. Ein schlechter Traum? Keiner sah ihn, es gab nichts mehr zu tun, es gab kein Ziel und damit verbunden keinen Sinn mehr. Diese unbewusste Erkenntnis kroch unauffällig und langsam in sein Hirn. Im Zentrum angelangt traf sie ihn aber mit vernichtender Härte. Es war egal. Leere. Eine unglaubliche Leichtigkeit des Seins, die auf einmal hinfort schwebte und ihn allein ließ mit...ja mit was? Mit nichts. Das Nichts war angekommen und es trieb ihn in den Wahnsinn. Die Triebe blieben ihm aber sie waren so billig in ihrer Erkenntnis das einzige zu sein. Das Letzte was noch da war und es stellte ihn auf eine Evolutionsstufe mit den Tieren. So griff der Wahnsinn, oder sollte man besser sagen der Trieb, zur Waffe und schoss die Möglichkeit ein ehrenvoller Übermensch in seiner Erkenntnis zu sein kopflos aus der Welt.

7.1.07 23:49

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